Wissenschaft im Fokus
Veröffentlicht: 10.01.2010
Mandimbihasina, A. R., S. E. Engberg, G. D. Shore, E.
Razafimahatratra, H. Tiandray, R. E. Lewis, R. A. Brenneman & E. E. Louis
Jr. (2009): Characterization of 20 microsatellite markers in the
plowshare tortoise, Astrochelys yniphora. – Conservation Genetics
10 (4): 1085-1088.
Charakterisierung von 20 Mikrosatellitenmarkern bei der
Schnabelbrustschildkröte Astrochelys yniphora
Die Madagassische Schnabelbrustschildkröte,
Astrochelys yniphora,
oder Angonoka ist eine der Landschildkröten Madagaskars, die in der
Umgebung des Baly Bay Bambusbuschland im nordwestlichen Madagaskar lebt. Die
größten Gefährdungen für diese Art liegen im Absammeln
durch Wilderer, die die Tiere für den internationalen Tierhandel sammeln,
und darin, dass ihr Habitat zunehmend zerstückelt (fragmentiert) wird. Die
Anzahl der noch wild lebenden Angonoka wird auf etwa 400 geschätzt. Aus der
genomischen DNS von Individuen aus Andrafiafaly im Baly Bay National Park,
Madagaskar isolierten wir zwanzig polymorphe nukleäre Mikrosatelliten-Loci
(Marker). Die Ergebnisse dieser Arbeiten werden zukünftig helfen, die
Sozialstruktur und die Populationsdynamik dieser Schildkrötenspezies zu
analysieren und sie werden dazu dienen, beschlagnahmte Individuen aus dem
illegalen Tierhandel zu identifizieren.
Kommentar von H.-J. Bidmon
So unspektakulär diese Arbeit auch daher kommen mag, sie ist wichtig und
war wohl auch seit langem überfällig, denn damit lassen sich
beschlagnahmte oder auch erst kürzlich als angebliche
Gefangenschaftsnachzuchten ausgegebene Individuen eindeutig überprüfen
und zuordnen. Das ist wohl auch sinnvoll, denn erst vor kurzem sind wieder
Nachzuchten, die für die Auswilderung vorgesehen waren, aus dem
Eingewöhnungsgehege geraubt worden, und auch in Europa gab es noch in
diesem Frühjahr (2009) dubiose Angebote zu äußerst niedrigen
Preisen. Ob die „Händler“ schon ahnten, dass es eng wird,
Exemplare ohne Papiere noch in der Hoffnung los zu werden, dass jemand zugreift,
der sie als angebliche Nachzuchten legalisiert, bevor die genetischen Daten
verfügbar werden, bleibt offen. Da die Anzahl der noch wild lebenden
Individuen gering ist und die Tiere aus offiziellen Nachzuchtprogrammen sowieso
genetisch erfasst sind, dürfte es zukünftig anhand dieser Daten eine
Kleinigkeit sein, das molekularbiologische Markerprofil einer abgenommen
Speichelprobe mit den vorhandenen Daten abzugleichen. So etwas kann man heute
online weltweit und zeitnah realisieren. Ganz sicher ein brauchbares Werkzeug
für die moderne forensische Herpetologie zur Identifikation von illegal
gehandelten Exemplaren. Ob dies allerdings bei den derzeitigen politischen
Verhältnissen in Madagaskar dazu beitragen kann, die Habitatfragmentierung
und Zerstörung zu stoppen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Die
Gründung von Metapopulationen zur Bestandsabsicherung wurde ja schon
vorgeschlagen (siehe
Pedrono et al. 2004). Ob unter
Anbetracht der derzeitigen politischen Lage nicht auch die Gründung solcher
Metapopulationen außerhalb Madagaskars ernsthaft in Erwägung zu
ziehen wäre, sollte zumindest in den entsprechenden Gremien international
und offiziell zur Diskussion gestellt werden. Denn welchen Sinn ergibt es, wenn
in ein paar Jahren die letzten Überlebenden dieser Spezies in vielleicht
illegalen weltweit verstreuten Tierhaltungen einiger Sammler/innen existieren?
Oder sind Sie der Meinung, dass sich bei der derzeitigen globalen Struktur- und
Finanzkrise und der Ernährungs- und Überlebenssituation der
ärmsten Länder auf diesem Planeten wirklich zeitnah soweit verbessern
ließe, dass der Schutz und das Überleben solcher Arten vor Ort zu
gewährleisten wäre? Ähnliche Diskussion wären nicht nur
bezogen auf Madagaskar erforderlich, denn auch andere Staaten mit Vorkommen
seltener Arten (z. B.
G. platynota) wie Myanmar (Burma) sind
katastrophengeschüttelt und politisch so unkalkulierbar, dass auch hier
selbst westliche Hilfsangebote zum Naturschutz eher den politischen Eiszeiten
zum Opfer fallen, als wirklich zu einer Verbesserung beitragen könnten.
Literatur
Pedrono, M., L. L. Smith, J. Clobert, M. Massot & F.
Sarrazin (2004): Wild-captive metapopulation viability analysis. –
Biological Conservation 119: 463-473 oder
WiF-Archiv.
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